Unreformierte Photographie

Aesthetik des Verzichts

Wieso Kollodium?

Nach modernem Standard ist die Photographie mit Kollodium-Nassplatten umständlich und nicht zeitgemäß. Das Verfahren ist in vieler Hinsicht unberechenbar, umständlich – erst recht auf Location – langsam, teuer. Man braucht sehr viel Licht – eine gewöhnliche Studioblitzanlage reicht nicht aus. Bewegliche Subjekte sind mit diesem Verfahren nicht zu photographieren.

Mit jeder billigen digitalen Kompaktkamera ist es möglich, berechenbarer und schärfer zu arbeiten. Wieso also ausgerechnet Kollodium?

Dazu etwas Geschichtsunterricht: 

Im mittleren 19. Jahrhundert, in den Geburtsstunden der modernen Photographie, haben Erfinder und Künstler nach einem praktischen Verfahren gesucht, mit dem Gegenstände exakt abgebildet werden konnten. 

1851 perfektionierte der Engländer Frederick Scott Archer ein Verfahren, wodurch eine polierte Glas- oder Metallplatte mit Kollodium beschichtet und anschließend mit Silbernitrat sensibilisiert wurde; die dadurch entstandene lichtempfindliche Emulsion muß in einer Kamera belichtet werden, während sie noch nass ist, und auch sofort entwickelt und fixiert werden. 

Das Ergebnis hatte im Vergleich zur damaligen Technik gewisse entscheidende Vorteile: es ergab – auf Glas – ein Negativ, daß man vervielfältigen konnte: eine Klarglasambrotyie; und es war billiger, technisch einfacher und weniger giftig als die Daguerreotypie. Auf schwarzem Metall entstand – viel günstiger und schneller als bei anderen Verfahren – ein Direktpositiv, Tintypie genannt, daß der Kunde sofort mitnehmen konnte. 

Moderne analoge und auch digitale Photographie haben in vieler Hinsicht die damaligen Vorteile von dem Kollodiumverfahren zunichte gemacht. Doch haben Kollodiumphotographien einen ganz bestimmten Reiz, den man mit “konventionellen” Mitteln nicht erreichen kann; auch nicht, wenn man sich stundenlang in Photoshop vertieft. 

Mich faszinieren an diesem Verfahren verschiedene Aspekte. 

Erstens schätze ich in einem Zeitalter der unendlichen digitalen Vervielfältigung und “Eckdatenspielerei” die Tatsache, daß ich beharrlich, fast meditativ arbeiten muß. In einem vollen Shooting kommen vielleicht 10 Platten zusammen; im Gegensatz muß man nach einem Digitalshooting durch hunderte, oder sogar tausende Bilder wühlen, bis man seine 10 “Volltreffer” hat. 

Ich schätze auch die Kunst der Unmittelbarkeit. Ich mache von meinen Glasnegativen keine Kopien – und selten Abzüge – und die Tintypien kann ich ohnehin nicht vervielfältigen. Also muß der Betrachter in Anwesenheit des Objekts, des Bildes an sich, sein. Jedes Bild gibt es exakt einmal. Glasnegative werden mit schwarzem Lack versiegelt, damit sie zu einem Positiv werden und nicht kopiert werden können, ohne den wesentlichen Charakter des Bilds zu verlieren. Die Bilder haben eine Wertigkeit und eine Haptik, die anders nicht zu bekommen sind – es sei denn, ich beginne mit Daguerreotypie. 

Außerdem ist es für mich eine sinnliche Wonne, mit physikalischen und chemischen Materialien zu arbeiten. Der Geruch von Äther, von Essigsäure und von Fixierer; die Geräusche der alten Holzkamera: das Knarren des Balgen, das “Plock” des Luftdruckverschlusses, das seidene Schaben des Kassettenschiebers. Und der Moment, in dem das Bild aus der Emulsion zu schimmern beginnt, ist purer Zauber. 

Und wenn ich mich frage, wieso ich überhaupt photographiere, dann weil ich Freude daran nehme, ein Bild zu schaffen – egal, was die Aussage ist. 

Die hier gezeigten Ambrotypien und Tintypien sind gescannt, und haben zwangsläufig viel von ihrer Wirkung eingebüßt. In ausgewählten Ausstellungen sind meine Kollodium-Platten zu sehen und zu erwerben.

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Windhoek Wet Plate Workshop  |  7 images